Koloniale Strukturen im Alltag

Bei unserem letzten Beitrag ging es um Beutekunst, die beispielsweise in der Kolonialzeit entwendet wurde. In diesem Beitrag wollen wir uns etwas genau mit dem Thema Kolonialismus und der Frage, was man darunter versteht widmen. Was verbirgt sich hinter der Kolonialzeit und weshalb ist das für uns heute noch relevant? Was sind koloniale Strukturen und inwiefern finden wir diese in unserem Alltag?

Dieser Text ist wieder nur eine Einführung in das sehr große Thema Kolonialismus. Wenn du nachdem du diesen Text gelesen hast noch Fragen oder Anmerkungen hast, schreibe uns gerne. Wir sind gerade noch in der Entwicklung und freuen uns über jedes Feedback!

Unter dem Begriff Kolonialismus wird ein territorial bestimmtes Herrschaftsverhältnis bezeichnet. Die Besonderheit dieses Herrschaftsverhältnis liegt in der Ausübung von Fremdherrschaft. Hierbei ist es besonders wichtig die unterschiedliche soziale Ordnung, zwischen der kolonisierten bzw. kolonisierenden Gesellschaft, zu verdeutlichen. Vor allem wichtig für die rechtfertigung der Kolonisation war für die Kolonialisten, den unterschied des “Entwicklungsstandes” zu verdeutlichen, und diesen als Begründung ihrer Handlungen zu nennen.  Die bekannteste Definition von Kolonialismus ist die folgende, von Jürgen Osterhammel:

"Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen.“  (Jürgen Osterhammel, Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 1995, S. 21.)

Eine allgemeingültige Definition ist schwierig zu nennen bzw. zu beschreiben. Das liegt daran, dass die koloniale Wirklichkeit für die Menschen und Gesellschaften sehr unterschiedlich und vielschichtig war. Als Hochphase der kolonialen Weltordnung wird die Periode von 1880 bis 1960 gesehen. Die strukturellen Auswirkungen dieser Phase reichen bis heute und können immer noch in  unseren Alltagen, als auch in unseren Gesellschaftlichen Strukturen, wiedergefunden werden.

 

Was sind koloniale Strukturen und wo lassen sie sich im Alltag wiederfinden?

Koloniale Strukturen sind die Symptome des kolonialen Systems, welche trotz der vermeintlichen postkolonialen Zeit weiterhin im Hintergrund bestehen. Es gibt immer noch bestehende Abhängigkeiten von ehemals kolonisierten Ländern zu den Ländern, die sie kolonialisierten.

Die heutige Zeit wird als postkolonial bezeichnet. Doch was bedeutet das eigentlich genau? Post bedeutet nach und kolonial bezieht sich auf die Zeit des Kolonialismus. Einfach gesagt beschreibt  postkolonial die Zeit nach dem Kolonialismus. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Strukturen und Abhängigkeitsverhältnisse, entstanden während der Zeit des Kolonialismus,  nicht mehr wiedergefunden werden können.  Die postkoloniale Zeit wird als aufgeklärt und informiert verstanden, doch die meisten Fakten zur Kolonialzeit sind den wenigsten bekannt. Ebenso welche Strukturen weiterhin bestehen und welchen Einfluss diese bis heute haben.

Koloniale Strukturen sind überall zu entdecken (wenn man sich damit ein wenig auskennt)  und einige dieser Symptome der kolonialen Strukturen finden wir direkt vor unserer Haustür. Das Thema koloniale Strukturen, im Kontext der ausgestellten Kunst, haben wir bereits im Rahmen unseres Aktion vor dem Humboldt Forum berichtet. Den Beitrag dazu findet ihr hier.

Ein Beispiel, an dem die Strukturen des Kolonialismus noch deutlich zu sehen sind, ist das Afrikanische Viertel in Berlin Reinickendorf. Das afrikanische Viertel ist eines der vielen Überbleibsel, die im Berliner Stadtbild an die deutsche Kolonialzeit erinnern. Aber nur wenige wissen, was genau hinter dem Namen steckt und welche historisch problematische Bedeutung dieser hat. Denn da wo heute das “Afrikanische Viertel” ist, fanden bis in die 1930er Jahren noch die Zurschaustellung von Schwarzen Menschen statt. Besucher:innen konnten in diesen Ausstellungen den vermeintlich Wilden in angeblich authentisch nachgebauten Dörfern im Alltag zusehen. Wobei diese ihnen unbekannte Rituale ausüben mussten, um die Stereotype, die die Deutschen bereits kannten, zu vertiefen. Wenn man im Afrikanischen Viertel in Berlin unterwegs ist, findet man Orte mit Namen Nachtigalplatz, Lüderitzstraße und Petersallee. Für die meisten Menschen klingen diese wie gewöhnliche Straßennamen, mit denen sich nichts oder nur wenig verbinden. Für andere haben diese Namen eine tiefere Bedeutung. Sie sehen in den Straßen- oder Platznamen eine Reproduktion der Akzeptanz und des Aufrechterhaltens des vermeintlich guten Rufes der Befürworter der Taten während der Kolonialzeit. Den Männern, nach dem die Straßen benannt wurden, wurde und wird immer noch eine große “Ehre” zuteil, durch die Benennung eines Öffentlichen Ortes mit ihrem Namen. Aber wer waren diese Männer und warum haben die Namen dieser Männer eine tiefere Bedeutung, wenn man sich mit der Kolonialgeschichte Deutschlands, auseinandersetzt? Gustav Nachtigal war Reisender auf dem afrikanischen Kontinent und wurde in seinen späteren Jahren Reichskommissar und vollzog die Gründung deutscher Kolonien in Westafrika. Adolf Lüderitz war Großkaufmann und dafür verantwortlich, dass das Deutsche Reich die Kolonie Südwestafrika (heute Namibia) gründen konnte. Er gab den Einheimischen falsche Versprechungen und versicherte ihnen Schutz. Carl Peters gilt als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika (Tansania, Burundi und Ruanda).                                                                     Seit 2016 sind für einige öffentliche Orte bereits Umbenennungsentscheidungen getroffen worden.  So wird der offensichtlich problematische Name der M*hrenstraße verändert und in baldiger Zukunft nach Anton Wilhelm Amo (1703-1753)  umbenannt werden. Amo war der erste Gelehrte afrikanischer Herkunft an einer preußischen Universität.  Die Umbenennung in Ehren einer historischen Persönlichkeit afrikanischer Herkunft wurde seit vielen Jahren durch zivilgesellschaftliche Akteur:innen vorgeschlagen. 

Die meisten Deutschen haben wenig bis kaum Ahnung von ihrer eigenen Kolonialgeschichte. Der Nationalsozialismus steht in Schulen jährlich auf dem Lehrplan. Was Deutschland in seinen Kolonien in Afrika, in Asien und dem Pazifik zu verantworten hat, erfahren Schüler kaum.

“Das wird sich auch nicht ändern, solange Deutschland sich nicht mit seiner Kolonialgeschichte befasst und sich seiner Bringschuld gegenüber den ehemaligen Kolonien bewusst wird: solange der Genozid an den Herero und den Nama keinen Platz im kollektiven Gedächtnis dieses Landes findet; solange die Entstehung von Rassenlehre und die Völkerschauen kein Thema sind und solange despotische Kolonialisten nicht aufs Schärfste geächtet werden, kann man nicht davon ausgehen, dass Menschen ihre Vorurteile als solche erkennen und hinterfragen."                                                                                                                                                                                      Celia Parbey in "Kolonialismus in Deutschland: "Wenn ich durch diese Straßen laufe, wird mir schlecht""  (erschienen 2019 auf Spiegel.de)

Wir hoffen euch hat dieser Beitrag gefallen und ihr habt etwas Neues erfahren. Wenn euch bestimmte Themen genauer interessieren, ihr einen Begriff nicht versteht oder einfach nur eine Frage habt meldet euch gerne bei uns. 


 

Quellen:

https://www.geo.de/wissen/21459-rtkl-bilanz-wie-der-kolonialismus-die-welt-bis-heute-praegt

https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/postkolonialismus-und-globalgeschichte/236617/kolonialismus-und-postkolonialismus-schluesselbegriffe-der-aktuellen-debatte/

https://www.spiegel.de/panorama/kolonialismus-in-deutschland-wo-du-ihn-noch-heute-siehst-und-spuerst-a-7eca006b-a84a-4a8d-84a7-97bdd3a7fdcf

https://www.berlin.de/kunst-und-kultur-mitte/geschichte/erinnerungskultur/strassenbenennungen/artikel.1066742.php

https://kolonialgeschichtema.com/adolf-luederitz/ 





 

Raubkunst vs. Beutekunst

Wenn es um die Aufarbeitung der deutschen kolonialen Vergangenheit geht, fallen häufiger die Begriffe Raubkunst und Beutekunst. Doch was bedeuten diese Begriffe eigentlich? Es gibt Unterscheidungen, die die historische und juristische Korrektheit beeinflussen. 

Mit dem Begriff Raubkunst werden die Kulturgüter (Bilder, Bücher usw) bezeichnet, die in der Zeit des 2. Weltkrieges (1933-1945) durch die Nationalsozialisten den Juden und Jüdinnen und anderen Verfolgten weggenommen wurden.                                                 Die offizielle Bezeichnung lautet NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter. Allerdings wird in diesem Fall meist von Raubkunst gesprochen, damit der Aspekt der Verfolgung in den Vordergrund rückt.

Als Beutekunst werden jene Kulturgüter bezeichnet, die in Kriegen oder kriegsähnlichen Situationen vermutlich unrechtmäßig entwendet wurden. Hierzu zählen vor allem die während der deutschen Kolonialzeit entwendeten Gegenstände und Kunstwerke aus den ehemaligen deutschen Kolonien. Häufig wird für diese fälschlicherweise ebenfalls der Begriff Raubkunst verwendet.              Der Unterschied zwischen beiden Begriffen lässt sich also durch den rechtlichen Hintergrund erklären. Während die gestohlenen Kulturgüter im 2. Weltkrieg eindeutig als illegal entwendet gelten, ist dies im Zusammenhang mit der Kolonialzeit und den dort vorherrschenden Umständen deutlich komplizierter.

Zur Kolonialzeit gab es zwar Gesetze im internationalen Raum aber keine konkreten, die das Eigentumsrecht in den Kolonien regelten, beziehungsweise hatten die Kolonisierten selten Verfügungsrecht über sich und ihr Eigentum. Da sie dieses Recht nicht besaßen, ist auch die rechtliche Bezeichnung Raub in diesem Kontext falsch. Denn Raub ist die rechtswidrige Aneignung einer fremden Sache unter Anwendung von Gewalt gegen eine Person unter Friedensbedingungen. 

Deshalb darf und sollte in diesem Kontext nicht offiziell von Raubkunst gesprochen werden.

Einhergehend mit den Begriffen Raubkunst und Beutekunst wird in den Debatten auch häufig über Restitution gesprochen. Das ist die Rückgabe der entwendeten Kulturgüter. Zu diesem Thema wird aber noch ein Beitrag mit einer ausführlichen Erklärung und dem aktuellen Stand folgen.

 

Quellen:

https://www.kunstdetektei.de/kunst/ns-raubkunst/             

https://berliner-schloss.de/blog/was-in-der-raubkunst-debatte-zu-kurz-kommt/

https://nsraubgut.slub-dresden.de/ns-raubgut/